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CHRONIK
von Otto Kleinschmidt
Gewerkschaften im Oberwesterwald

 

 
Industrien, Dienstleistungsbetriebe & Gewerkschaften im Oberwesterwald
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2.1.2 Braunkohlenbergbau

 

Nachdem in einigen Überlieferungen darüber berichtet wird, daß bereits im Jahre 1585 in den Bachbetten und an den Hängen der Großen und Schwarzen Nister (Gegend um Hachenburg) Kohlenstücke gesichtet worden sein sollen, hält die Chronik erstmalig das Jahr 1595 fest, wo man im Nachbarkreis („Breitscheider Hölzchen“) auf Braunkohle aufmerksam wurde.

 

In der Westerwälder Zeitung vom 2.11.1906, wurde ausführlich mit etwas abweichenden Daten über die Westerwälder Braunkohle berichtet. Es heißt dort u.a.:

„Über die Entstehung der Westerwälder Braunkohle herrschen von jeher Meinungsverschiedenheiten. Es wurde angenommen, sie sei aus einer Holzart, die heute nicht mehr vorkomme. Es gibt aber Braunkohlenstücke, die unserem Eichenholz sehr ähnlich sehen; namentlich die knorrigen Wulste, die wir oft an Eichen wahrnehmen, finden sich vielfach in der Braunkohle und sind dem Bergmann bekannt unter dem Namen „Wirsch“. Diese Braunkohle ist sehr hart, ähnlich dem Eichenholz, während man an anderen Stellen so weiche Braunkohle findet, daß sie wenig Heizwert hat. Daß in den einzelnen Gemeinden des Westerwaldes zur Zeit der Verschüttung der Wälder verschiedene Holzarten gewachsen sind, kann man an der Braunkohle genau feststellen. Es gibt eine Grube, von der jeder Bergmann behauptet, hier seien Eichenwälder begraben worden und andere, bei denen es sich um ehemaliges Kiefern- oder Fichtenholz handelt. Es kommen Stücke Braunkohlen zu Tage, aus denen man ganz gut eine schöne große Tischplatte machen und sie behobeln könnte wie ein Eichenbrett.

 

Im Jahre 1651 wurden bei Höhn die ersten Braunkohlen gefunden. Der Fürst Johann Ludwig von Hadamar, zu dessen Gebiet Höhn damals gehörte, ließ dort eine Grube anlegen. Doch starkes Grundwasser veranlaßte in kurzer Zeit die Einstellung des Betriebes.

 

Einen erneuten Versuch unternahm man 1718. Damals waren hessische Bergleute der verbreiteten Ansicht, daß Braunkohlen das Dach von Steinkohlen bilden, als auf dem Holzkohlenflötz zu Höhn unter der damaligen Vormundschaft des fürstlichen Hauses Hessen ein ordentlicher Abbau angefangen werden sollte. Dabei rieten die hessischen Bergleute, die Kohlenwerke aus den Händen der Gewerkschaften, das ist eine Unternehmensform im Bergbau, zu nehmen und sie für Rechnung der Landesherrschaft zu betreiben; also Verstaatlichung. Sie glaubten, das „Ausgehende“ der Steinkohlen bei den Dörfern Kackenberg (heute Neuhochstein) und Schönberg durch eine angelegte Rösche gefunden zu haben, wobei sie gleichzeitig Braunkohlen antrafen.

 

Beim Anlegen eines Mühlgrabens an der Großen Nister, im Bereich der Gemarkung Höhn, wurden ebenfalls Braunkohlen gefunden, welche dort zu Tage traten. Später gruben sich die Leute ihren Bedarf dort selbst.

 

Im Jahre 1749 und einige Jahre nachher wurden zu Bach und Stockhausen Braunkohlen entdeckt, und zwar durch Ausspülen von Kohlenstückchen durch vorbeifließendes Wasser. (Anm.: Anderen Aufzeichnungen nach soll bereits 1746 in Bach mit dem Abbau von Braunkohlen begonnen worden sein). Vorerst wurden auch hier die Bergwerke von den Einwohnern betrieben, und zwar im Tagbau. Erst im Jahre 1749 wurde das Bergwerk zu Bach, 1750 das zu Stockhausen und 1780 dasjenige zu Höhn von der Landesherrschaft übernommen. Was die Löhne angeht, so verdiente ein Bergmann um 1800 in 8 Stunden erst soviel wie 1907 in 1 Stunde.

 

Bei Guckheim im Amte Wallmerod wurden schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Braunkohlen gefördert. Das Bergwerk ward aber 1746 wieder verlassen, weil in diesen Jahren in genannter Gegend das Holz so billig war, daß sich ein Abbau von Kohlen nicht rentierte. Die vorhandenen Kohlen wurden zu Asche gebrannt und die Felder damit gedüngt.

 

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts zeigten sich bei Elbingen ebenfalls Spuren von Braunkohlen ganz nahe an der Erdoberfläche.

 

Die Braunkohlen wurden ursprünglich nur als Hausbrand verwendet. In dieser Beziehung allein war ihr Auffinden von großem Segen für den Westerwald, da die Wälder sonst vollständig verschwunden wären.

 

Später bedienten sich die Bierbrauer der Braunkohlen mit gutem Erfolg, ebenso die Bäcker. Da sie weit stärker heizten als ordinäres Holz und das Feuer glimmend lange anhielten, wurden sie auch in Meilern verkohlt und an die Schmiede und Schlosser verkauft. Verkohlte Braunkohle wurde auch von der Grube zu Stockhausen nach der Eisenhütte bei Haiger geliefert und dort teils unvermischt, teils mit Steinkohlen versetzt, teils auch unverkohlt, jedoch dann in Beimischung mit Steinkohlen verblassen.

 

Wegen der vortrefflichen Wiesendüngung, welche die Braunkohlenasche ergab, wurden in derselben Zeit Aschenbrennereien angelegt und die Asche verkauft. In Stockhausen verbrannte man sämtliche kleinen Kohlen zu Asche und verkaufte letztere zu 5 Kreuzer die Meste. Es wurde damals allgemein behauptet, daß der Wiesenbau viel dabei gewonnen habe, seitdem mit Asche gedüngt worden sei und daß dieses Verfahren nützlicher wäre als die kleinen Kohlen mit Lehm vermischt zu Ballen zu formen und an der Sonne zu trocknen (Briketts). Auch auf die Äcker wurde das Kohlenklein gefahren und dort in einzelnen Haufen zu Asche gebrannt, welch letztere so düngte, daß Kartoffeln gezogen werden konnten ohne jeden weiteren Dung.

 

Der Abbau der Braunkohlen war anfangs noch sehr einfacher Natur. Da wo die Kohlen ausgingen, wurde eine sogenannte Rösche angelegt und diese so weit geführt, als das Wasser die Arbeiten nicht behinderte. Später erst wurden von den Tälern ausgehende Stollen zum Abziehen des Wassers angelegt und die Kohlen auch durch Schächte aus einer Tiefe von 50 bis 80 Metern geholt. Trotzdem fand auf der Grube zu Stockhausen von 1758 bis 1785 eine Ausbeute von 37.000 Zain (Zain = 0,80 cbm) statt, während Höhn eine solche von 120.000 Zentnern von 1780 bis 1784 zu verzeichnen hatte.“

 

Schon um 1722 belieferte eine Braunkohlengrube „In der Esch“ bei Langenbach/M. eine in der Nähe liegende Eisenhütte.

 

In einer Dokumentation der Gemeinde Dreisbach ist vermerkt: „Am 10.11.1749 befanden sich in der Umgebung von Höhn und Schönberg 7 verschiedene Braunkohlengruben. Zu diesen 7 Gruben zählten auch die beiden Gruben in Dreisbach. Die Gemeinde Dreisbach hatte 1747 bei der fürstlichen Verwaltung zu Diez um die Belehnung mit dem ‚Neuen Kohlenbergwerk’ bei Höhn-Schönberg gebeten und 1748 an die Erledigung der Angelegenheit erinnert. In der Grube waren jedoch schon im Winter 1750 keine Kohlen mehr vorhanden.“ Dreisbach war 1781 mit 360 Wagen Braunkohle am Umsatz der Grube Höhn beteiligt. Beim Basaltabbau in Dreisbach in den „Heistern“ in 1904 war offenbar nicht sorgfältig genug gewählt worden, denn man stieß in 30 m Tiefe auf ein 4 m mächtiges Braunkohlenflöz und einen alten Stollen. Es war bekannt, daß in früheren Zeiten sich die Dreisbacher schon im Tagebau mit Braunkohle für den Eigenbedarf dort versorgt hatten.

 

In der Nähe von Höhn versuchten sich etwa um 1850 Ausländer mit industriellen Anlagen. Aus Braunkohlen wurde Teer gemacht; ohne Erfolg. Das Fehlen der Eisenbahn ließ diesen neuen Industriezweig nicht aufkommen.

 

Außer den Gruben „Viktoria“ bei Kackenberg, „Alexandria“ bei Höhn, „Nassau“ bei Schönberg, „Segen Gottes“ bei Illfurth/Großseifen (hier kostete 1884 ein Zain Stückkohlen 4 Mk.; auch wurde hier im gleichen Jahr für einen Anteil von 3 ¾ Kuxen ein Käufer gesucht), „Oranien“ bei Stockhausen/Eichenstruth, die 1926 stillgelegte „Wilhelmszeche“ bei Bach mit zeitweise mehr als 600 Beschäftigten waren weitere Braunkohlengruben auch bei Bölsberg/Unnau/Kirburg (Grube „Concordia“, die 1745 erschürft wurde und viele Kohlen für den Eisenhammer bei Nister lieferte; später änderte sich der Name vorübergehend in „Gewerkschaft Neuhaus II“; geographisch gesehen lag sie in der „Hinteren Eichwiese“ der Gemarkung Unnau), bei Westerburg (Grube „Gute Hoffnung“), bei Marienberg (Grube „Neue Hoffnung“ unterhalb der Büchtingstraße, zu meiner Jugendzeit ‘Berghalde’ genannt, 1925 stillgelegt, und Grube „Eintracht IV“, 1928 stillgelegt, in deren nicht sehr tief gelegenen Stollen das Mittagsläuten der Marienberger Kirche zu hören war; 1947/48 im Tagebau am Bacher-Lay-Weg wieder betrieben), bei Oberroßbach/Fehl-Ritzhausen/Hof, auf dem Niederfeld zwischen Hof und Ritzhausen (Grube „Adolf“/bzw. „Adolfszeche“, bis 1906 betrieben), bei Lautzenbrücken („Pauls­rod“), bei Hof („Hermannszeche“/„Auf’m Feitz“, schon 1890 nicht mehr in Betrieb) und bei Norken („Spaeth“).

 

Die „Wilhelmszeche“ bei Bach (Besitzer um 1920 war der Berg- und Hüttenbetrieb Duisburg) hatte eine Verladestation mit einem extra angelegten Bahnanschluß in Fehl-Ritzhausen. Sie wurde Ende der 1940er/Anfang der 1950er-Jahre von der „Alexandria“ Höhn wieder erschlossen.

 

Wer kann sich noch daran erinnern, daß man 1846 beim Aufwerfen eines Grenzgrabens am Stegskopf auf ein Kohlenflöz stieß, das durch Schürfungen an verschiedenen Stellen erschlossen wurde? Die Kohle wurde bis 1872 durch einen Stollen abgebaut. Von 1921 bis 1924 wurde am Stegskopf dann erneut Braunkohle gefördert.

 

Nicht vergessen werden sollen bei Aufzählung der Oberwesterwälder Braunkohlengruben, sofern nicht bereits davon berichtet:

 

·    Gerechtigkeit“ bei Westerburg/Pottum/Stahlhofen (unmit­telbar am Wege von Oellingen nach Stahlhofen (1907 war Besitzer Otto Nordhaus, beschäftigte über 100 Bergleute),

·    Wilhelmsfund“ bei Hergenroth; mit Abt. „Gnade Gottes“, ebenfalls Hergenroth (ca. 60 Beschäftigte)

·    Christiane“, Westerburg

·    Eduard“, Härtlingen

·    Waffenfeld“, Höhn

·    Siebertsgrube“ bei Höhn

·    Franziska“, Guckheim

·    Moritz“, Hof

·    Einigkeit“, Westerburg

·    Glückauf“, Kirburg

·    „Humbold II“, Bellingen

·    „Segen Gottes“, Großseifen

·    Franz I.“, Westerburg

·    „Himburg“, Bach

·    Sybille II/Moritz

·    Louisiana“, die an „Oranien“ grenzte

·    Paul I.“, Eichenstruth

·    Schacht „Anna“, Höhn

·    „Segen Gottes“, Stockhausen, und

·    „Kaiser-Wilhelm-Stollen“, Hahn b. Mbg.

 

Nähere Angaben über die Grube „Kohlensegen“ sowie eine Grube „Am Pfaffenweiher“ waren nicht zu erhalten.

 

Auch unter dem Basaltmassiv des Stöffels liegt Braunkohle. Das hat eine Probebohrung der Firma Uhrmacher ergeben. Die Basaltdecke hat dort allerdings eine Mächtigkeit von mehr als 100 m.

 

In 1903 wurde in Waldmühlen von neuem auf Braunkohlen gebohrt, nachdem vor Jahresfrist in einem Bohrloch schon ein Flöz von 1,50 m sehr guter Braunkohle getroffen wurde und man hoffte, mit dem neuen Bohrloch auf das in älteren Urkunden erwähnte Flöz von über 2 m Mächtigkeit zu stoßen.

 

Auch in Langenhahn begann die Gewerkschaft Vulkan in dem dortigen Lignitkohlenfeld „Paul“ im Jahre 1906 ein Kohlenflöz von 4,40 m Mächtigkeit zu erbohren. 1907 stand fest, daß im Frühjahr 1908 dessen Ausbeutung in Angriff genommen werden sollte, nachdem das Flöz eine Mächtigkeit von 5 m hatte. Die Betriebsgesellschaft dachte, bis zu 70 Waggons zu fördern, da die Inbetriebnahme der Westerwaldquerbahn erleichterte Abfuhr sicherstellte.

 

Von einer Braunkohlengrube „Eduard“ bei Caden (später Kaden) ist zu berichten, daß dort 1907 alles aufgeboten werden mußte, um das andringende Wasser zu bewältigen. Dieses Braunkohlenfeld war 1906 von den Gewerken Dr. Schmieden & Marx aus Berlin gekauft worden. Es wurden Kohlenflöze von 4 m Mächtigkeit gefunden. Die Brikettierung der gefundenen Braunkohlen sollte dort betrieben werden. Bis zur Inbetriebnahme der Querbahn Westerburg - Montabaur wurde eine Drahtseilbahn zum Bahnhof Westerburg gebaut; später sollte der Bahnanschluß an die neue Eisenbahn bei Möllingen eingerichtet werden. Man rechnete mit einem Kohlenversand von etwa 70 Doppelwaggons pro Tag.

 

Je nach Wirtschaftslage waren die Beschäftigtenzahlen unterschiedlich. So hoch wie sein Alter, so wechselhaft ist auch das Schicksal des Westerwälder Braunkohlenbergbaus gewesen. Zeiten, in denen zahlreiche Gruben in Betrieb und Förderung standen, wurden immer wieder von Zeiten gänzlichen Darniederliegens und Stillstandes abgelöst. Da der Westerwälder Braunkohlenbergbau nicht in der Lage war, ernste Wirtschaftskrisen aufzufangen, sind besonders in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts nicht weniger als 26 Braunkohlengruben das Opfer jenes einmaligen volkswirtschaftlichen Bumerangs geworden.

 

Nach dem 2. Weltkrieg, bis zur Währungsreform, fand vielerorts ein „wilder Braunkohlenabbau“ statt, so u.a. in Bach an der Nister sowie bei der Fehler Mühle in der Laach in und bei der Nister.

 

In Marienberg am Weg zur Bacher Ley, linke Seite, förderten Adolf Schmidt, Otto Häbel, Gustav Franz, Emil Weinbrenner, Emil Neeb und Hugo Steup in 1946-49 Braunkohlen, meist im Übertagebau, aber auch durch Anlage kleiner Stollen. Nachdem vom zuständigen Bergamt der nicht rechtmäßige „wilde“ Abbau untersagt worden war, fanden im Dezember 1950 erste Gespräche hinsichtlich der Eröffnung eines Braunkohlen-Tagebaues am Weg zur Bacher Lay statt, und zwar durch die „Gewerkschaft Neuhaus II“. Bereits Ende Januar 1951 kam beim Abbau ein 45-Tonnen-“Menk“-Bagger zum Einsatz. Nach etwa 3 Monaten wurde die Arbeit beendet. Ein großer Teil der Braunkohlen wurde direkt an gewerbliche und private Abnehmer verkauft, der andere auf dem Bahnanschluß zwischen der Brückenmühle und dem Langenbacher Friedhof auf Eisenbahnwaggons verladen (Abnehmer waren in Stuttgart, Frankfurt/M und Lübeck). Nach der Ausbeutung war die „Gewerkschaft Neuhaus II“ nicht mehr zahlungsfähig; es war jedoch eine Geldsumme für die Renaturierung des Abbaugeländes hinterlegt worden.

 

Als 1959 das Kraftwerk (EWAG Höhn) stillgelegt wurde (im Jahre 1923 gingen von 163.946 Tonnen auf Grube „Alexandria“ geförderten Braunkohlen etwa 140.000 Tonnen an das Kraftwerk), war auch das Schicksal dieses Bergwerks besiegelt. Es stellte den Betrieb mit der zehn Kilometer langen Hauptförderstrecke, von der, einem Spinnennetz gleichend, die einzelnen Stollen ausgingen, am 18.4.1961 ein. Die 80 Meter tiefen Schächte wurden bis auf den Hauptförderschacht zugeschüttet. Schienen, Maschinen und Leitungen blieben in der Tiefe zurück.

 

1907 wurden auf Grube „Alexandria“ schon 170, 1923 über 1000 Beschäftigte gezählt. In 25 Braunkohlengruben des Oberwesterwaldes waren 1922 1.555 Bergleute tätig.

 

Über die Arbeit „unter Tage“ soll in diesem Zusammenhang noch kurz eingegangen werden. Braunkohlenabbau bzw. Bergbau allgemein war Schwerstarbeit. Tief in der Erde, wo kein Tageslicht mehr hinfällt, kilometerweit vom Eingang entfernt, schufteten die Bergmänner im engen Stollen. Sie waren ausgerüstet mit dem sogenannten „Gezähe“, dem Handwerkszeug des Bergmannes. Im Schein einer Karbidlampe „fraßen“ sich die Kumpels mit Sprengstoff, Hacke und Schaufel durch den Westerwälder Basalt zu den Flözen, wie die wertvollen Kohleschichten genannt werden. In der Grube „Alexandria“ fanden die Bergleute besonders harte Braunkohle. Die ist sehr wertvoll, da sie in großen Blöcken gefördert werden konnte und als Hausbrand verkauft wurde. Die kleinen Stücke gingen direkt ins ansässige Kraftwerk.

 

An einem Betriebspunkt waren immer zwei Bergleute eingesetzt; allein zu arbeiten war aus Sicherheitsgründen verboten. Das Zweiergespann setzte sich zusammen aus dem Hauer und Lehrhauer. Der Hauer war berechtigt, mit Sprengstoff umzugehen. In der Grube „Alexandria“ wurde alles von Hand gemacht. Die eine Schicht räumte die Stein- und Kohlebrocken der vorherigen Schicht weg, sprengte danach wieder. Das entstandene Geröll wurde dann wieder von der nächsten Schicht abtransportiert. Für den Transport war vor allem der Lehrhauer zuständig. Er schob die gefüllten Loren dorthin, wo die Braunkohle mit Elektroloks zum Förderschacht weiterbefördert wurde. Eine Fuhre wog bis zu einer halben Tonne. In einer Schicht drückte der Lehrhauer rund 20 Wagen, also zehn Tonnen. Um den Weg zu erleichtern, wurden die Schienen meist so verlegt, daß die Strecke beim Abtransport abschüssig war.

 

Unter Tage war die Kameradschaft eine ganz besondere. Man war in der Finsternis voll aufeinander angewiesen. Wenn es „vorne zuging“, d.h. ein Stolleneinbruch erfolgte, mußte man sich auf den anderen verlassen können. Davon hängen Menschenleben ab. Leider hat es auch auf der Grube „Alexandria“ Tote gegeben. Die meiste Gefahr ging vom Wasser aus. Von allen Seiten strömte das Wasser in die Schächte und Stollen. Zweite Bedrohung war das „Wetter“. So bezeichnet der Fachmann die Luft in der Grube. Bei Tiefdruck war die tödliche Gasbildung unberechenbar. Sicherheitslampen, die an der Färbung der Flamme erkennen ließen, ob die „Luft rein ist“, waren lebenswichtig. Wenn die Flamme erlosch, mußte der Stollen schleunigst verlassen werden, da dann giftiges Kohlendioxyd in die „Strecke“ eingedrungen war. Größte Gefahr bestand, wenn das Gas zu spät bemerkt wurde.

 

Wenn ein Abbaugebiet ausgebeutet war und die Hauer weitergezogen waren, bildeten sich diese Gase. Sie drangen dann durch Risse und Klüfte in die Hauptstrecke. Wenn das bemerkt wurde, sperrte man die Stollen. Als erste Maßnahme konnte man Druckluft, die sonst die Bohrer antrieb, in die Strecke blasen. Diese vertrieb die Gase. Eine nachhaltige Gegenwehr bildete das Torkretieren. Mit großem Druck wurde eine flüssige Zementmasse gegen die Wände geschleudert und verschloß die haarfeinen Ritze. Das Kohlendioxyd fand dann keinen Weg mehr in die befahrenen Gänge.

 

Daß sich alle Kumpels an die Sicherheitsvorschriften hielten, dafür sorgte der Steiger. Er sollte in erster Linie auf Leben und Gesundheit seiner Leute achten, erst dann darauf, daß sie ihre Arbeit ordentlich erledigten.

 

Jeden Tag waren die Bergleute zuletzt etwa 8 Stunden unter Tage. Für ihre anstrengende Arbeit erhielten die Hauer im Durchschnitt: 1936 etwa 4,60 RM und 1938 etwa 5,20 RM. Mit der Besserung der wirtschaftlichen Situation fanden sich immer weniger Männer, die bereit waren in die Grube einzufahren. Darum erhielten sie eine Zulage, die am Anfang 2,50 Mark pro Tag betrug. Dazu kam 1948 ein täglicher Lohn von etwa 7,48 Mark, der bis 1949 auf 11,15 DM anstieg.


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